Auf einen Blick

Lektine kommen nur in der Mistel vor. Sie hemmen das Wachstum der Krebszellen und beeinflussen das Immunsystem. Auch können sie den „Selbstmord“ (Apoptose) der Krebszellen, anregen.

Zytotoxische Wirkung

Am Anfang einer Misteltherapie steht die giftige – zytotoxische – Wirkung im Vordergrund, später die Immunmodulation.

Mistellektin I, II, III

Es gibt insgesamt 20 verschiedene Mistellektine – am wichtigsten sind jedoch die Mistellektine I, II und III.

Kleiner großer Unterschied

Für die Wirkung als Arzneimittel ist mit ausschlaggebend, auf welchem Wirtsbaum eine Mistel gewachsen ist. Denn der Gehalt an Mistellektin schwankt auch in Abhängigkeit von der Art des Wirtsbaums. So enthalten Kiefern- und Tannenmisteln vorwiegend Mistellektin III, Laubbaummisteln dagegen vor allem Mistellektin I.

Lektine

Mistellektine sind zuckerhaltige Eiweißstoffe, die in dieser Form nur in der Mistel vorkommen, und zwar überwiegend in den älteren Stengeln und im Senker, also im Zentrum der Pflanze. Im Winter sowie in den Kurztrieben und Stengeln ist der Lektingehalt am höchsten. Lektine hemmen das Wachstum von Krebszellen oder töten sie ab, das heißt, sie wirken “zytostatisch” und “zytotoxisch”, und sie beeinflussen das Immunsystem (Immunmodulation).

Zu unterscheiden sind drei verschiedene Gruppen von Mistellektinen: Mistellektin I, II und III mit insgesamt mehr als 20 unterschiedlichen Einzelkomponenten (Isolektine). Die Anteile schwanken von Wirtsbaum zu Wirtsbaum und mit den Jahreszeiten. Kiefernmisteln z.B. haben den geringsten Lektingehalt überhaupt. Sie enthalten vorwiegend Mistellektin III und so gut wie kein Mistellektin I. Besonders lektinreich sind dagegen Eichen-, Pappel-, Linden- und Eschenmisteln, wobei Mistellektin I deutlich überwiegt. Der Lektingehalt der Apfelbaummistel z.B. ist zwischen November und Januar am höchsten, wobei die weibliche Pflanze mehr Lektine aufweist als die männliche. Die Beeren der Apfelbaummistel enthalten fast ausschließlich Mistellektin I.

Chemisch gesehen bestehen alle Lektine aus zwei Molekül-Ketten, der A- und B-Kette. Beide sind über Brücken aus schwefelhaltigen Stoffen (Disulfid-Brücken) miteinander verbunden. Die A-Kette ist für die giftige (zytotoxische) Wirkung verantwortlich, während die B-Kette Kontakt mit der Zielzelle und deren Oberflächenstrukturen aufnimmt. Die Bindungsfähigkeit von Mistellektin I und III ist sehr unterschiedlich. Sie hängt unter anderem davon ab, welche Zuckerverbindungen die Tumorzellen aufweisen und wie sich die B-Kette des Lektins daran anheften kann. Möglicherweise erklärt das, warum Mistelextrakt bei verschiedenen Tumorarten unterschiedlich wirkt.

Zu Beginn einer Misteltherapie steht die giftige und zellzerstörende Wirkung der Lektine im Vordergrund, später ihre immunmodulierende Wirkung. Denn die Giftwirkung lässt innerhalb von zwei bis sechs Wochen nach, weil der Organismus in dieser Zeit Antikörper gegen Mistellektin ausbildet. Er versucht damit, das fremde pflanzliche Eiweiß, das die Mistellektine darstellen, zu binden und unschädlich zu machen. Diese Antikörper fangen gemeinsam mit Zucker-, Eiweiß- und Fettverbindungen im Blut die Lektine ab, die dann auch nicht mehr zellzerstörend wirken können. Geschähe dies nicht, wären Mistelpräparate auf Dauer kaum verträglich. Und deshalb werden sie anfangs in sehr niedriger Dosierung verabreicht, die sich erst langsam steigert (siehe Anwendung).

Alle Lektine können den „Selbstmord“ der Krebszellen anregen. Eine solche „Apoptose“ ist in allen gesunden Zellen möglich und nötig. Denn ständig werden neue Zellen produziert, alte sterben ab, Zelltod und -teilung stehen im Gleichgewicht. Krebszellen haben diese Fähigkeit verloren, deshalb vermehren sie sich ungehindert und beginnen zu wuchern. Wird die Fähigkeit zur Apoptose in Krebszellen wieder angeregt bzw. wiederhergestellt, kann sich das Tumorwachstum regulieren – die Geschwulst hört auf zu wachsen und schrumpft.

Allerdings funktioniert das nicht so pauschal und einfach, wie es klingt. Unklar ist beispielsweise, mit welchem Mechanismus das Mistellektin den Zelltod auslöst. Und: Nicht jeder Tumor reagiert empfindlich auf Mistellektin, nicht jeder bindet es gleich stark. Hinzu kommt, dass das Lektin erstmal zum Tumor gelangen muss, sonst kann es an der Krebszelle nicht wirken. Bei nicht operablen Tumoren wird Mistelextrakt deshalb oft direkt in die Geschwulst hinein gespritzt oder – z. B. wenn sich ein krebszellenhaltiger Erguss gebildet hat – auch in Körperhöhlen, beispielsweise in den Spalt zwischen Lungen- und Rippenfell (Pleura), in die Bauchhöhle oder – bei Blasenkrebs – in die Blase.

 

Letzte Aktualisierung: 30. November 2015
Annette Bopp

Mistelpflanze an BaumstammBei den anthroposophischen Präparaten kommt es auch darauf an, auf welchem Wirtsbaum eine Mistel gewachsen ist - hier wächst sie an einer Birke.KiefernmistelExtrakte aus Kiefern- und Tannenmisteln enthalten vorwiegend Mistellektin III.Mistelextrakt aus Laubbäumen enthält mehr Mistellektin I und II.Mistelextrakt aus Laubbäumen enthält mehr Mistellektin I und II.Mit Labortests wird die Wirkung von Mistelextrakt auf einzelne Blutbestandteile überprüft.Mit Labortests wird die Wirkung von Mistelextrakt auf einzelne Blutbestandteile überprüft.