Klinische Studien:

33 randomisierte Studien
18 nicht-randomisierte prospektive Studien
44 retrospektiv vergleichende Studien
44 einarmige Studien

Mistel in der Onkologie - Klinische Studien - Übersicht

Eine Vielzahl klinischer Studien wurde zur Frage der Wirksamkeit von Mistelextrakten in der Behandlung onkologischer Erkrankungen durchgeführt. Die Studien zeigen überwiegend einen Vorteil für die Misteltherapie. Berücksichtigt man die Qualität der einzelnen Studien, ihre Stärken und Schwächen, so erscheinen die Verbesserung der Lebensqualität und eine bessere Verträglichkeit konventioneller onkologischer Therapien (Chemotherapie, Strahlentherapie, Operation) am besten belegt. Hinsichtlich der Überlebenszeit zeigte eine kürzlich nach modernem Standard gut durchgeführte randomisierte Studie zum fortgeschrittenen Pankreaskarzinom ein hochsignifikant längeres Überleben unter Misteltherapie.[1] Auch die übrigen Studien weisen in diese Richtung, die Wirksamkeit scheint aber abhängig zu sein von Wirtsbaum- und Präparatewahl und Dauer der Misteltherapie. Gut belegt ist, dass durch Injektion von Mistelextrakten Tumorremissionen induziert werden können, was auch in Übereinstimmung mit der präklinischen Forschung zur Zytotoxizität und zur Anwendung in Tiertumoren steht; solche Tumorremissionen scheinen aber abhängig von der Dosierung und der Applikationsart zu sein und sind bei der üblichen, niedrig dosierten Misteltherapie eher eine Ausnahmen. Erfahrene Ärzte weisen zudem darauf hin, dass eine insgesamt bessere Wirksamkeit abhängig ist von einer individualisierten Anwendung: gezielte Wahl und Justierung von Dosierung, Präparaten, Wirtsbaum, Applikationsort und –rhythmus, Hinzunahme weiterer Interventionen; hierzu fehlen allerdings noch systematische Untersuchungen; dieses Thema ist naturgemäß durch die übliche Studientypen kaum zu klären. [2,3]

Im einzelnen liegen zu den anthroposophischen Mistelpräparaten (Abnobaviscum®, Helixor, Iscador®, Iscar, Iscucin®, Isorel®) derzeit vor: 33 prospektiv randomisierte klinische Studien, 18 nicht-randomisierte prospektiv vergleichende Studien, 44 retrospektiv vergleichende Studien und 44 Kohortenstudien oder kleine Fallserien (Vorher-Nachher-Vergleich). Diese Studien untersuchten der Einfluss der Misteltherapie auf:

Diese Studien wurden bei folgenden Erkrankungen durchgeführt:

  • Gynäkologischen Tumoren (Brustkrebs, Ovarialkrebs, Cervixkarzinom, Cervixdysplasie, diverse genitale Karzinome),
  • Gastrointestinalen Tumoren (Darmkrebs, Leberkrebs, Rektumkrebs, Magenkrebs, Pankreaskrebs, Lebermetastasen),
  • Tumoren der Luftwege (Lungenkrebs, HNO-Tumoren),
  • Hauttumoren (Melanom, Basalzellkarzinome, anale Kondylome),
  • Hämatologischen Neoplasien (Non-Hodgkin-Lymphome, diverse Lymphome, Plasmozytom, CML, Myelodysplasie),
  • Malignen Exsudate (Aszites, Pleuraerguss, Perikarderguss),
  • Urogenitaltumoren (Nierenkarzinom, Prostatakarzinom, Blasenkarzinom),
  • Hirntumoren,
  • Diversen Tumoren.

Nicht berücksichtigt sind hierbei Studien zur Immunmodulation durch Misteltherapie und zur Verträglichkeit und Sicherheit, die gesondert ausgewertet wurden.

Die Studien wurden systematisch gesucht (Suchstrategie, Auswahlkriterien) und einer kritischen Beurteilung ihrer methodischen Qualität unterzogen  [4-9]; dies muss bei den unterschiedlichen Studientypen mit unterschiedlichen Qualitätskriterien geschehen, da jeweils verschiedene Aspekte eine unterschiedliche Gewichtung haben. Die methodische Qualität der vorliegenden Studien variiert erheblich. Insbesondere unter den prospektiven Studien (vergleichend und nicht vergleichend) findet sich eine Reihe sorgfältig durchgeführter und ausführlich publizierter Untersuchungen. Die retrospektiv vergleichenden Studien enthielten oft gravierende Mängel, insbesondere war die Vergleichbarkeit meist nicht untersucht worden; nur wenige hatten eine Vergleichbarkeit der wichtigsten prognostischen Faktoren sichergestellt; kürzlich publizierte pharmakoepidemiologische retrolektive Studien wiesen eine deutlich bessere Qualität auf, sie wendeten aufwendige Verfahren an um die Vergleichbarkeit zu optimieren. Zwei Studien wurden aufgrund von Ungereimtheiten ganz ausgeschlossen; Details siehe  [6-9].

Alle diese Studienformen haben ihre spezifischen Einsatzmöglichkeiten, Vorteile und Nachteile, Möglichkeiten und Beschränkungen. Alle Studienformen benötigen entsprechende Expertise und Sorgfalt in der Durchführung und können nur innerhalb ihrer Aussagefähigkeit interpretiert werden. Gegenwärtig besteht ein Trend, nur noch große randomisierte kontrollierte Studien (RCT) zu akzeptieren und demgegenüber andere Studientypen stark abzuwerten. Unter Idealbedingungen sind RCTs zwar perfekt, haben in der klinischen Realität jedoch zahlreiche Limitierungen. Ihre Priorisierung führt zu zahlreichen Verzerrungen in der Gesundheitsversorgung (z.B. durch Kommerz-Bias, Karriere-Bias, Bias der großen Zahl, Mediokritätsbias, Bias durch Therapiepriorität), zu erheblichen Diskrepanzen von Forschung und medizinischem Alltag, zu ethischen Problemen und zu divergenten und asymmetrischen Ergebnissen (siehe Zur Notwendigkeit pluralistischer Evaluationsmodelle). Statt einer Beschränkung auf RCTs ist es daher sinnvoll, eine Informationssynthese aus verschiedenen Evidenztypen zu generieren. [2,3]

Ein Charakteristikum der Mistelforschung liegt darin, dass die Studien nicht nur von pharmazeutischen Firmen und universitären Einrichtungen durchgeführt werden, sondern in ungewöhnlich hohem Maße auch aus Eigeninitiative praktizierender Ärzte, die den Nutzen dieser Therapie oder spezieller Anwendungen untersuchen und kommunizieren möchten. Dies weist auf ein hohes Maß an Engagement und praxisnahe Forschung hin, jedoch fehlt hierbei oft der methodische und formale Standard, der von großen Forschungseinrichtungen mit entsprechender Infrastruktur und finanzieller Ausstattung bereitgestellt werden kann.

Dr. med. Gunver S. Kienle
Letzte Aktualisierung:
April 2014

Literaturverzeichnis

[1] Tröger W, Galun D, Reif M, Schumann A, Stankovic N, Milicevic M: Viscum album [L.] extract therapy in patients with locally advanced or metastatic pancreatic cancer: a randomised clinical trial on overall survival. Eur J Cancer 2013, 49:3788-3797

[2] Kienle GS: Gibt es Gründe für Pluralistische Evaluationsmodelle? Limitationen der Randomisierten Klinischen Studie. Z ärztl Fortbild Qual Gesundh wes 2005, 99:289-294

[3] Kienle GS, Albonico HU, Fischer L, Frei-Erb M, Hamre HJ, Heusser P, Matthiessen PF, Renfer A, Kiene H: Complementary Therapy Systems and their Integrative Evaluation. Explore 2011, 7:175-187

[4] Kienle GS, Kiene H: Die Mistel in der Onkologie - Fakten und konzeptionelle Grundlagen. Stuttgart, New York: Schattauer Verlag 2003

[5] Kienle GS, Berrino F, Büssing A, Portalupi E, Rosenzweig S, Kiene H: Mistletoe in cancer - a systematic review on controlled clinical trials. Eur J Med Res 2003, 8:109-119

[6] Kienle GS, Kiene H, Albonico HU: Anthroposophische Medizin in der klinischen Forschung. Wirksamkeit, Nutzen, Wirtschaftlichkeit, Sicherheit. Stuttgart, New York: Schattauer Verlag 2006

[7] Kienle GS, Kiene H: Complementary Cancer Therapy: A Systematic Review of Prospective Clinical Trials on Anthroposophic Mistletoe Extracts. Eur J Med Res 2007, 12:103-119

[8] Kienle GS, Glockmann A, Schink M, Kiene H: Viscum album L. extracts in breast and gynaecologic cancers: A systematic review of clinical and preclinical research. J Exp Clin Cancer Res 2009, 28:doi:10.1186/1756-9966-28-79

[9] Kienle GS, Kiene H: Influence of Viscum Album L (European Mistletoe) Extracts on Quality of Life in Cancer Patients: A Systematic Review of Controlled Clinical Studies. Integr Cancer Ther 2010, 9:142-157